Al-Assad-Armee nutzte Putschversuch in Türkei für Einkesselung Aleppos aus

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Al-Assad-treue Milizen und Armeeangehörige haben in einer gemeinsamen Offensive mit der kurdischen YPG den Ostteil des Zentrums von Aleppo belagert. Die letzte Verbindungsroute der Zivilisten und Rebellen ins Zentrum von Aleppo ist damit in Kontrolle der Loyalisten. In wie weit hat diese Entwicklung mit dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei zu tun, analysierte der Syrien-Experte Ömer Özkizilcik.

Die Türkei erlebte am 15. Juli einen Putschversuch durch Anhänger der Gülen-Sekte, die sich des Militärs bedienten. Die Putschisten scheiterten an ihrem Ziel, aber töteten 240 Menschen, darunter 173 Zivilisten und verletzten 1535 weitere. Das türkische Parlament wurde bombardiert. Mittlerweile wurde der Putschversuch vereitelt und ein dreimonatiger Ausnahmezustand wurde seitens der Regierung ausgerufen. Seit diesem Putschversuch fokussiert sich die türkische Regierung auf die Innenpolitik, während außenpolitische Fragen vorerst in den Hintergrund rücken. In der Zwischenzeit belagerten die Loyalisten al-Assads gemeinsam mit der kurdischen YPG rund 300.000 Zivilisten und Rebellen im Zentrum von Aleppo.

Eine Karte von den Frontverläufen in Aleppo, Die Farbe Grün symbolisiert die Position von Rebellenverbände, Rot die Position von Loyalisten und Gelb die Position der YPG:

Bildquelle: Syrienwar

Bildquelle: Syrienwar

Die Loyalisten belagerten den Ostteil von Aleppo faktisch schon vor dem Putschversuch, da sie bis auf die Schussreichweite der letzten Versorgungsroute – den Castillo Weg – vorgerückt waren. Die Fatah Halap-Koalition der FSA-nahen Rebellen unternahmen mehrere erfolglose Versuche, die Loyalisten zurückzudrängen. Nach dem Putschversuch vervollständigten die Loyalisten in einer gemeinsamen Offensive die Belagerung um Aleppo.

Der Castillo Weg wurde bei einer gemeinsamen Offensive der Loyalisten und der YPG mit russischer Luftunterstützung im Juli eingenommen. Dazu attackierte die YPG zuerst die Jugendkomplexe, die am Castillo Weg liegen, während die Loyalisten Beni Zayd attackierten und eroberten.

Um zu verstehen, warum der Putschversuch in der Türkei die Belagerung von Aleppo begünstigte, muss man sich die Waffen- und Munitionsressourcen der Rebellen im Zentrum von Aleppo genauer anschauen.

Die Rebellen im Zentrum von Aleppo stellen meistens lokale Brigaden, die an keiner anderen Front vertreten sind und können im Gegensatz zu den Rebellen in Latakia, Hama, Daraa, Homs, Damaskus nicht auf sogenannte Beutezüge setzen. Die Städtekampf von Aleppo macht große Beute nahezu unmöglich. Aus militärischer Perspektive bleibt die Waffenbeschaffung damit auf zwei Faktoren beschränkt: Eigenproduktion und Waffenlieferungen aus dem Ausland.

Die Eigenproduktion der Rebellen in Aleppo stellen maßgeblich die sogenannten „Cehennem-Raketen“ (zu Deutsch: Höllen-Raketen) her. Die Produktion von anderen Arten von Waffen und Munition ermöglichen die Gegebenheiten von Aleppo nicht. Diese logistische Beschränkung macht die Rebellenbrigaden im Zentrum von Aleppo sehr stark von Waffenlieferungen aus dem Ausland abhängig. Seitdem die Loyalisten mit massiver russischen Unterstützung die Nachschubroute aus der Türkei über Azaz gekappt haben, bekommen die Rebellen im Zentrum von Aleppo ihre Waffenlieferungen über dem Bab al-Hawa-Grenzübergang aus der Türkei.

In Anbetracht der Realität, dass die Loyalisten aus Iran und Russland massive Waffenlieferungen erhalten und sogar schwere Artellerie, Panzer, Kampfhubschrauber sowie Kampfflugzeuge geliefert bekommen, ist eine funktionierende Nachschubroute von Waffen für die Rebellen essenziell für einen militärischen Erfolg in Aleppo. Das Assad-Regime erhält aus Russland nicht selten die hochmodernen und effektiven T-90 Panzer geliefert.

Und genau hier kommt der vereitelte Putschversuch in der Türkei vom 15. Juli ins Spiel. Denn seitdem sind die Grenzen der Türkei nach Syrien dicht für Waffenlieferungen. Die Türkei konzentriert sich dieser Tage nahezu ausschließlich auf ihre Innenpolitik und vernachlässigt Hilfeleistungen an die Rebellen. Dies zeigte sich auch daran, dass in der Türkei weitesgehend die Bombardierung von vier Feldkrankenhäuser durch Russland medial und diplomatisch kaum wahrgenommen wurde.

Der Schluss liegt nicht fern, dass der gescheiterte Putschversuch in der Türkei zumindest die Belagerung von Aleppo durch Loyalisten und der YPG begünstigte, wenn nicht sogar überhaupt nachhaltig ermöglichte. Aus der Perspektive der Loyalisten in Syrien war der Putschversuch Willkommen und eröffnete ihnen den Weg zu einer ihrer womöglich größten militärischen Ziele seit Beginn des Bürgerkrieges.

Nichtsdestotrotz am 6. August eine Großoffensive von Südaleppo auf die Stadt gestartet, um die Einkesselung der Stadt zu durchbrechen. Dabei richten sich die Aktivitäten der Rebellen, angeführt vom Ahrar al-Scham-geleiteten Rebellenbündnis Dschaisch il-Fatah, vor allem auf das Viertel Ramussah. Ziel ist es die Loyalisten im Südwesten ihrerseits von der dort durchlaufenden Versorgungsroute abzuschneiden und die eigenen Rebellen mit neuen Gütern zu versorgen.

Die Rebellenfront ist 20 Kilometer tief von Sabkiye bis nach el-Hikme

Die Rebellenfront ist 20 Kilometer tief von Sabkiye bis nach el-Hikme.

Eine Auflistung von Syrienwar über die diversen Milizen und Armeen, die in Syrien aufseiten al-Assads kämpfen:

Alle Loyalisten-Kampfverbände in Syrien aufgelistetDie Analyse wurde vom Nahost-Analysten und Syrienwar-Gründer Ömer Özkizilcik verfasst.

 



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