Türkei unterrichtet Bosnisch und vertieft wirtschaftliche Beziehungen zum Balkan

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Die bosnische Sprache wird ab dieses Jahr an türkischen Schulen unterrichtet. Das geht auf ein Abkommen zwischen der Türkei und Bosnien-Herzegowina zurück. Analysten, Politiker und die türkische Wirtschaft, die mit Eurasia News sprachen, befürworten die Sprachenkooperation zur Stärkung politischer, kultureller und wirtschaftlicher Brücken.

Die Bildungsministerin Bosniens besuchte die erste türkische Schulklasse, die am Sprachunterricht teilnimmt, am 17. Januar im Istanbuls mehrheitlich von Balkan-Türken bewohnten Bezirk Bayrampasa. Ministerin Elvira Dilberovic bemerkte vor der 20 köpfigen Schulklasse:

„Diese Sprache ist Teil unserer nationalen Identität.“

„Wenn ihr in den Geist eines Volkes schauen wollt, dann müsst ihr dessen Sprache lernen. Auf diese Weise bringen wir den Geist unserer beiden Länder zusammen“, fügte die bosnische Bildungsministerin hinzu.

Das türkische Staatsfernsehen TRT AVAZ besuchte den Sprachunterricht in Gegenwart der bosnischen Bildungsministerin:

Der stellvertretende türkische Bildungsminister Orhan Erdem sagte, dass Türkisch bereits an über 80 Schulen in Bosnien unterrichtet wird. „Tausende bosnische Schüler können in Zukunft die Türkei besuchen, nachdem sie Türkisch gelernt haben“, äußerte Erdem und fügte hinzu:

„All jene Schüler der Türkei, die Bosnisch als Fremdsprache lernen, werden die Möglichkeit erhalten, Bosnien-Herzegowina zu besuchen.“

Der Istanbuler Direktor für nationale Bildung, der Bezirksvertreter von Bayrampasa, Studenten und Familien beim ersten landesweiten Fremdsprachenunterricht in Bosnisch anwesend.

Bosnisch ist die Landessprache von rund 2,2 Millionen Menschen in der Balkan-Republik Bosnien-Herzegowina. Offiziell wird die slawische Sprache auch in Bosnien und Montenegro gesprochen.

In einem Protokoll, unterzeichnet 2015, beschlossen die Türkei und Bosnien-Herzegowina, jeweils die Sprache des anderen Landes als wählbares Schulfach einzuführen. Bosnisch soll offiziell ab September 2017 in der Türkei eingeführt werden.

Eurasia News fragte den unabhängigen Journalisten aus Serbien Milivoje Pantovic, der regelmäßig zum englischsprachigen Fachmagazin „Middle East Eye“ als Balkan-Experte beiträgt, ob die Türkei mit dem neuen schulischen Sprachprogramm einer „Assimilierung von Balkan-Türken“, die einen signifikanten Anteil der türkischen Gesellschaft darstellen, entgegenwirkt. Pantovic antwortete:

„Die Entscheidung der türkischen Behörden kann nicht als ein solcher Schritt kategorisiert werden. Die Sprache wird optional beigebracht und wird nicht als Sprache für Minderheiten beschrieben. Eine große Zahl der Türken mit bosnischem Hintergrund wurden bereits assimiliert und sprachen kein Bosnisch mehr. Die Türkei gibt sich mit dieser Initiative im Großen und Ganzen als toleranter Staat gegenüber der Minderheit. Die Türkei möchte den Bosniern und Albanern zeigen, dass sie es gut mit ihnen meint. Ankara will wichtige Pluspunkte sammeln.“

Auf die Frage, was der Sprachunterricht mit Blick auf die außenpolitische Ausrichtung der Türkei im Balkan bedeutet, sagte Pantovic:

„In diesem Zusammenhang muss anerkennt werden, dass die Türkei einen weiteren Schritt zum Gewinn von ‚Herz und Verstand‘ der Muslime in Bosnien gegangen ist. Ankara sieht sich in Bosnien einer harten Konkurrenz von ölreichen arabischen Golfstaaten ausgesetzt. Bemerkenswert ist: Im Rahmen eines osmanischen Grundverständnisses sagte der Direktor für Grundschulbildung in der Türkei Cem Gencoglu im Oktober 2016, dass Bosnisch und Albanisch keine ausländischen Sprachen sind, sondern Teil einer gemeinsamen Zivilisation ist. Wörtlich gab er an: ‚Ich hoffe, dass diese Entscheidung als Schritt zur Verschmelzung unserer Kulturen anerkannt wird‘.“

Der ehemalige Abgeordnete der türkischen Regierungspartei AKP aus Izmir, Rifat Sait, betonte gegenüber Eurasia News das langfristige Potenzial des bosnischen Sprachunterrichts in der Türkei. Der Politiker, der im Kosovo geboren wurde, erklärte:

„In der Türkei leben rund 15 Millionen Bürger mit Wurzeln im Balkan. Diese Menschen betrachten sich nicht als Minderheit wie die Kurden im Osten der Türkei. Ankara fürchtet keinerlei Radikalisierung der Balkan-Türken oder gar einen militanten Separatismus. Das Vertrauen ist groß. Vielmehr sehen sich die Balkan-Türken als Rückgrat der Republik mit ungenutztem Potenzial zur historischen Heimat im Westen. Ihr Recht auf kulturelle Pflege zur Heimat fordern sie seit Jahren ein.“

Dieses Potenzial muss genutzt werden, forderte Sait und wies daraufhin, dass die Türkei schon bald auch Albanisch als Fremdsprache einführen wird. Laut türkischen Angaben leben bis zu fünf Millionen Bürger mit albanischen Wurzeln in der Türkei. Der ehemalige AKP-Parlamentsabgeordnete kommentierte über mögliche politische Implikationen:

„Für die muslimischen Bosnier und Albaner wird das türkische Volk historisch weitestgehend als großer Bruder angesehen. Es ist aber nicht ratsam, aggressiv nur die muslimische Seite auf dem Balkan zu unterstützen. Das führt langfristig zur Polarisierung, während Russland traditionell die Serben und Orthodoxen unterstützt sowie West-Europa das katholische Kroatien. Ankara wird daran festhalten, eine sanfte Strategie auf dem Balkan zu fahren. Das wird die Türkei über die Entwicklungsorganisation TIKA, die Wirtschaft und religiöse Institutionen durchführen.“

Der Vorsitzende des Türkisch-Bosnischen Wirtschaftsvereins TUBSIAD Abdurrahman Uvak ist davon überzeugt, dass der neue Fremdsprachenunterricht auch der türkischen Wirtschaft zu Gute kommen wird. Der Wirtschaftsvertreter sagte Eurasia News:

„In unserer Verbandsphilosophie spielt die Fähigkeit, Türkisch sprechen zu können eine zentrale Rolle. Deshalb kooperieren wir seit 2009 mit dem türkischen Kulturinstitut Yunus Emre, das zu diesem Zeitpunkt seine erste Filiale in Sarajevo eröffnete. Wir fordern, dass die Anstrengungen der Türkei in Bosnien ausgeweitet werden.“

Für Uvak lässt sich über den sprachlichen Zugang auch eine „wirtschaftliche Brücke“ zwischen der Türkei und Bosnien-Herzegowina schlagen. Eurasia News gegenüber teilte der Wirtschaftsvertreter mit:

„In der Türkei leben mehr Bürger mit bosnischen Wurzeln als in Bosnien. Der Sprachunterricht in Bosnisch ist eine Stärke, die wieder ausgebaut wird. Die entstehende Sprachbrücke wird die sozioökonomischen und kulturellen Beziehungen stärken. Die Entscheidung der türkischen Regierung trägt zu einem ’starken Bosnien-Herzegowina und einer starken Türkei‘ bei, was von den Bosniern in der Türkei befürwortet wird. Wir als TUBSIAD haben diesen Schritt und ähnliche Entscheidungen von Anfang an befürwortet.“

Bosniens Handelsminister Mirko Sarovic erklärte im Oktober 2016, dass das Handelsvolumen der Balkanrepublik 2015 auf 600 Millionen US-Dollar angeschwollen ist. Bei seinem Besuch in der Türkei erklärte er, dass der Wert unter den Möglichkeiten liegt und weiter ausgebaut werden kann.

Am 24. Januar besuchte eine parlamentarische Delegation Bosniens die Türkei. Bei einem Treffen mit dem türkischen Premierminister Binali Yildirim versprach der Regierungschef, Investoren bei der Vertiefung der Wirtschaftsbeziehungen mit Bosnien zu unterstützen. Yildirim machte seinen Kommentar in Gegenwart von Safet Softic und Sefik Dzaferovic, Sprecher beider Kammern im bosnischen Parlament.

 

 



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