Deutschland und Türkei – Kopf an Kopf im Rennen um die EM 2024

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Bereits im März 2017 war im Spiegel zu lesen, dass die UEFA Deutschland und die Türkei offiziell als Bewerber für die Fußball-EM 2024 bestätigt hat. Seither hat sich vieles getan, aber bis zur endgültigen Entscheidung im September dieses Jahres ist noch viel Zeit.

Welche Chancen hat die Türkei, sich als Austragungsort gegen Deutschland durchzusetzen? Spielen die jüngsten politischen Ereignisse und Meldungen in der Türkei bei der Entscheidung eine Rolle?

Austragungsorte der Spiele

Mittlerweile stehen auch die Stadien der türkischen Bewerbung fest und die Liste kann sich durchaus sehen lassen. Dies ist von entscheidender Bedeutung, denn hochmoderne Stadien sind ein entscheidender Faktor. Neben dem Atatürk Olimpiyat Stadi in Istanbul, mit einem Fassungsvermögen von mehr als 75.000 Zuschauern, sind folgende Stadien in der Bewerbung vorgesehen: Timsah Arena Bursa, Konya Büyüksehir Stadi, Baskent Stadyumu Ankara, Medical Park Stadyumu Trabzon, Gaziantep Stadyumu, Eskisehir Yeni Atatürk Stadi, Antalya Stadyumu, Kocaceli Stadyumu Izmit, von denen allerdings nur das zweite Stadion in Istanbul, das Telekom Stadyumu die 45.000er Marke knacken kann.

Der DFB benannte laut Kicker bereits im September 2017 zehn Spielorte für die Bewerbung 2024. Demzufolge erhielten folgende Stadien den Zuschlag: Olympiastadion Berlin, Signal Iduna Park Dortmund, Esprit Arena Düsseldorf, Commerzbank-Arena Frankfurt, Veltins-Arena Gelsenkirchen, Volksparkstadion Hamburg, RheinEnergie-Stadion Köln, Allianz Arena München, Red Bull Arena Leipzig und die Mercedes-Benz Arena in Stuttgart. Überraschend war sicherlich das aus von Hannover, denn in dieser Konstellation wäre Hamburg der einzige Austragungsort im Norden. Positiv war hingegen zu erwähnen, dass der komplette Evaluierungsprozess von Transparency International begleitet wurde.

Bis April 2018 müssen alle Unterlagen bei der UEFA eingereicht werden, sodass in den kommenden Wochen damit zu rechnen ist, dass auch die Spielorte der Türkei bekanntgemacht werden. Ob es hier ähnlich transparent zugeht wie in Deutschland, bleibt abzuwarten.

Rechtliche Probleme bei der Auswahl der Spielorte

Neben den Beschwerden derjenigen Stadien, die im Bewerbungsprozess unterlegen waren, kamen im September 2017 laut einem Bericht der Welt Zweifel auf, dass alles verfassungskonform ist. So kamen Unterlagen an die Öffentlichkeit, die Städte, die sich um Spiele der EM 2024 beworben hatten, unterzeichnen mussten. Hierin gab es wohl Klauseln, die gegen das Grundgesetz verstoßen, wie ein ehemaliger Verfassungsrichter anmahnte. Hierbei geht es um Sonderrechte für die UEFA, beispielsweise für das Errichten einer sogenannten kommerziellen Zone, in der Demonstrationen unterbunden werden müssen.

Weitere Forderungen der UEFA wie gewisse Steuerbefreiungen und Markenschutzrechte sowie ein Ticketing-Schutzgesetz sind nach aktueller EU-Rechtsprechung nicht in vollem Umfang umsetzbar. Hier könnte die Türkei einem Bericht der Sportbild vom 17. Januar 2018 zu folge deutlich an Boden gut machen, wenn es um die wirtschaftlichen Belange der UEFA geht. So könnte Präsident Erdogan, der umfangreiche Befugnisse in dieser Angelegenheit hat, dazu beitragen, dass alle Forderungen der UEFA in vollem Umfang umgesetzt werden können. So kann die Türkei mit ebenso modernen Stadien aufwarten, die allerdings komplett mietfrei sind, da sie im Gegensatz zu den deutschen Stadien in staatlicher Hand sind. Außerdem wäre es denkbar, dass die Türkei die UEFA mit einer Gewinngarantie lockt, wenn die Ticketerlöse nicht die gewünschte Größenordnung erreichen. All dies sind Faktoren, die Deutschland so nicht bieten kann.

Sportliche Aspekte

Bildquelle: Pixabay

Betrachtet man die beiden Nationalteams, könnten die Unterschiede kaum größer sein. Zuletzt scheiterte die Türkei im Oktober 2017 bei der WM-Qualifikation an Island und ist damit bei der kommenden Weltmeisterschaft 2018 in Russland nicht mit dabei. Auch bei der letzten EM scheiterte man in der Vorrunde, nachdem man sich für die Euro 2016 noch direkt hatte qualifizieren können. Deutschland hingegen hat nicht nur schon mehrere große Turniere ausgetragen, sondern wird auch von den Buchmachern als heißer Favorit auf den nächsten WM-Titel gehandelt. So liegt die Quote für einen Sieg Deutschlands bei Betway bei 6,0. Brasilien wird trotz der letzten Schlappe gegen Deutschland ebenso mit 6,0 gehandelt und auch Frankreich ist mit 6,5 noch oben mit dabei.

Zuletzt wurde die Türkei für Sportler immer interessanter, denn die niedrigen Steuern lockten zuletzt immer mehr Spitzenfußballer in die Süper Lig, da nur 15% Einkommenssteuer fällig werden. Über diesen Weg macht sich die Türkei für Spitzenverdiener im Fußball interessant und die Austragung der WM könnte das Land für noch mehr potenzielle Spitzensportler interessanter machen, was dem türkischen Profifußball zu einem erneuten Schub verhelfen könnte.

Bevölkerungsstruktur

Ein großer Pluspunkt der Türkei ist sicherlich, wie auch Yildirim Demirören, der Präsident des türkischen Fußballverbandes TFF hervorhob, dass knapp 29% der türkischen Bevölkerung unter 17 Jahren alt ist. In Deutschland sind es laut Statista gerade einmal 13,47%. Für die junge Generation Türken könnte es daher eine spannende Möglichkeit sein, der Welt die Liebe der Türken zum Fußball präsentieren zu können. Insbesondere, nachdem die letzten drei Bewerbungen um die EM der Türkei scheiterten. Das Bewerbungskonzept der Türken wird von der kompletten Bevölkerung mitgetragen, wie das Ligablatt berichtete.

Politische und wirtschaftliche Aspekte

Für den türkischen Fußball-Verbandspräsidenten Yardimci spielen die derzeitigen politischen Spannungen der Türkei für die Bewerbung keine Rolle, wie Sport 1 berichtete. Ganz im Gegenteil – er sieht den Fußball als Chance, Brücken zu bauen und verwies immer wieder darauf, dass Deutschland solche Wettbewerbe bereits in der Vergangenheit hatte. Er fordert die UEFA auf, zum Wohle des Fußballs neue Wege zu gehen.

In der Tat könnte die Austragung der EM ein Prestigeprojekt für die Türkei werden und dazu beitragen, dass die Wirtschaft noch stärker wächst, als sie es ohnehin schon tut. Trotz wirtschaftlicher Sanktionen seitens der EU konnte die türkische Wirtschaft 2017 kräftig anziehen. So lag die Wachstumsrate im dritten Quartal bei 11 Prozent und die Ratingagentur Fitch Ratings prognostiziert in den kommenden Jahren ein Durchschnittswachstum von 4,8%, was sehr bemerkenswert ist. Insbesondere der Tourismus trägt mit zuletzt 6,2 Prozent entscheidend zum Bruttoinlandsprodukt bei. Dieser Anteil könnte durch eine Austragung der EM nochmals deutlich anziehen. Allerdings wird dringend eine politische und wirtschaftliche Reformagenda benötigt, um die starke Wirtschaftsdynamik der Jahre 2003 bis 2008 wieder herstellen zu können. Innovation und Produktentwicklung sind entscheidende Faktoren für einen Ausweg aus der Falle, in der sich die Türkei wirtschaftlich befindet. Denn aus dem mittleren Einkommensbereich scheint es derzeit keinen Ausweg zu geben, wie der Focus berichtete. Um den wirtschaftlichen Aufholprozess in Schwung zu bringen, kann es von entscheidender Bedeutung sein, sich der Welt modern und offen zu präsentieren und Investoren in das Land zu locken. Hierfür könnte eine Großveranstaltung der ideale Aufhänger sein.

Im Rahmen der WM 2010 konnten deutsche Unternehmen Projekte in Höhe von rund 1,5 Milliarden Euro akquirieren. Dies schaffte bzw. sicherte rund 15.000 Arbeitsplätze. Dementsprechend würde auch die Ausrichtung 2024 eine ähnliche Entwicklung mit sich bringen. Doch die wirtschaftliche Bedeutung ist für Deutschland im Verhältnis deutlich geringer als sie für die Türkei sein könnte.



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