EU-Angst vor Bedeutungsverlust auf Balkan: Türkei & Russland eine Gefahr

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Die Türkei und Russland könnten schon bald den Balkan aus dem Einflussbereich der Europäischen Union ziehen. Das Wall Street Journal warnt insbesondere vor der Türkei, die mit Russland gegen Brüssel kooperiert.

Die EU könnte erschüttert werden, schreibt das Wall Street Journal. Die Türkei sei zu einer ernstzunehmenden und gefährlichen Regionalmacht im Balkan geworden, den die Türken über Jahrhunderte beherrschten. In einem Artikel unter dem Titel „Europas nächste Krise: Balkan“ beleuchtet das Wall Street Journal den Einflussgrad der Türkei und Russlands auf dem Balkan, den der Westen als eigenen Vorhof definiert.

Türkei und Russland seien wiedererwachte Regionalmächte. Beide Staaten sind angeblich die Hauptgründe für eine potenzielle Krise, die die Vormacht der EU in Frage stellen könnte.

Zunächst schreibt das Blatt über ein Szenario, in dem sich die Türkei und Russland mit ihren jeweiligen regionalen Ablegern im Balkan gegenseitig bekämpfen könnten.

„Russland und die Türkei würden ihre Ableger Serbien und Albanien motivieren, die Grenzen der Region neu zu ziehen“, heißt es.

Serbien könnte dabei versuchen mit russischer Unterstützung, serbische Teile von Bosnien-Herzegowina zu annektieren.

Im Falle Albaniens könnte die Türkei Tirana helfen, den Kosovo zu annektieren. Dabei zieht das Magazin fragwürdige Parallelen zu einer etwaigen serbischen Annektion von Bosnien.

Es bleiben Tatsachen unberücksichtigt. Die Türkei pflegt traditionell engere Beziehungen zur bosnischen Regierung in Sarajewo als zu Tirana.  Die wichtigsten Handelspartner Albaniens sind der Größe nach Italien, Griechenland, Deutschland und auf vierter Stelle die Türkei.

Ankara führt seit Jahren von Tirana unabhängige Beziehungen zu albanischen Elementen im Kosovo und Mazedonien. Unterdessen fördert Ankara als Mediator mit guten Beziehungen zu beiden Staaten die Wiederannäherung von Sarajewo mit Belgrad. Derzeit verhandelt Ankara mit beiden Seiten über den Bau und Finanzierung einer Autobahn, die Belgrad mit Sarajewo verbinden soll.

In einer Rede im Juni betonte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan, dass die Türkei die Neuziehung von Grenzen auf dem Balkan ablehnt. Die Türkei „respektiert die Souveränität und Integrität von Ländern auf dem Balkan“. Serbische Medien werteten diese Aussage als Abfuhr an etwaige albanische Pläne für ein Großalbanien. Von Wall Street Journal unerwähnt blieb, dass Albanien und Kroatien seit 2009 Mitglied der NATO sind. Am fünften Juni dieses Jahr trat auch Montenegro dem transatlantischen Militärbündnis bei.

Im Verlauf des Berichts musste Wall Street Journal einräumen, dass ein solches Szenario, indem Moskau und Ankara als interventionistische Akteure auftreten, wohl doch eher unwahrscheinlich ist. Russland und die Türkei hätten letztlich selbst Probleme, sich auf neue Grenzen im Balkan zu einigen.

Viel mehr müsse sich der Westen über den türkischen Einfluss auf dem Balkan sorgen. Die Türkei, die ökonomisch und politisch im Balkan deutlich an Gewicht zugelegt hat, arbeitet inzwischen enger denn je mit Russland zusammen. Obwohl die Türke ein NATO-Mitglied ist, „zumindest auf dem Papier“, kritisierte der WSJ-Kommentator Walter Russell Mead .

Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist die Aufstellung der pro-europäischen These:

„Jedes Balkan-Land will lieber Teil der EU sein als alliert mit entweder Russland oder Türkei.“

Auch diese These musste relativiert werden: Hoffnungen auf Mitgliedschaften in der EU bei Balkan-Ländern schwinden dahin. Demnach hätten Serbien und Albanien bereits gedroht, wenn der Westen keine Unterstützung zusichert, dass sie ins Lager Russlands und der Türkei überlaufen werden. Zumindest aus ersten Medienrecherchen über Drohungen aus Tirana nichts dergleichen bekannt.

Russland mischt sich nicht im Balkan ein

Im Juni zitierte die russische Nachrichtenagentur Sputnik den Präsidenten der Republika Srpska in Bosnien-Herzegowina Milorad Dodik, der ansonsten keinen Hehl von seiner pro-russischen und pro-serbischen Einstellung macht, mit einer distanzierten Position bezüglich der Gerüchte einer russischen Einmischung auf dem Balkan. Russland mischt sich nicht in die inneren Angelegenheiten der südosteuropäischen Region ein, teilte der Präsident Sputnik mit. Außerdem sei „das politische Spiel unakzeptabel, Russland in eine Position zu drängen, in der es sich fortwährend erklären muss“.

Anfang August unterstellte der US-Vizepräsident Mike Pence, dass Russland den Balkan destabilisiert. Der serbische Außenminister Ivica Dacic unterstrich wenig später, dass Serbien die Bemerkungen von Pence über Russland nicht bestätigen kann. Dem serbischen Sender N1 sagte Dacic:

„Wir sind mit einigen Stellungnahmen nicht einverstanden, einschließlich der Bemerkungen, dass Russland die Grenzen mit Gewalt verändern will. Wenn es zur Veränderung von Grenzen kommt, dann war es der Westen, der das Serbien antat.“

„Obwohl die Streitigkeiten auf dem Balkan im Vergleich mit größeren Problemen trivial sind, bleibt nicht immer auf dem Balkan, was auf dem Balkan passiert. Die NATO und EU könnten durch eine weitere Runde des Aderlassens auf dem Balkan erschüttert werden“, schloss das Wall Street Journal und appellierte an die europäische Allianz zu den USA, die seit US-Präsident Trump auf dem Prüfstand stehen.



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