Militärpräsenz in Idlib kann Türkei zur Schlüsselmacht in Syrien machen

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Die Türkei rückt wenige Monate nach einer ersten Operation in Nordsyrien erneut im Bürgerkriegsland ein. Ankara möchte mit einer Militärpräsenz in West-Aleppo und Idlib Rebellen gegen Übergriffe von Dschihadisten schützen, den syrischen PKK-Ableger in Afrin isolieren und seinen Einfluss in Syrien zementieren.

von Ömer Behram Özdemir

Die Zerschlagung des Widerstandes des „Islamischen Staates“ in den syrischen Wüsten von Homs und Deir ez-Zor sowie der Verlust der von der Extremistenorganisation dominierten Gebiete im Irak mit Ausnahme von Teilen Anbars führt dazu, dass die Akteure in der Region ihre Bewegungen post-IS zu ihren Gunsten nutzen wollen. Durch die Schwächung hat der „Islamische Staat“ seine Priorität als Bedrohung verloren, die allen staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren in der Region eine Interventionslegitimität verlieh. Die in Syrien beteiligten Akteure haben begonnen, im Rahmen ihrer neuen Aktivitäten ihre Bedrohugs- und Interventionsszenarien aktualisiert.

Aktuelle Beispiele sind ein sich möglicherweise ergebender Konflikt zwischen dem syrischen Regime und der kurdischen YPG-Miliz, auch als syrischer PKK-Ableger bekannt, und im Irak zwischen der Kurdischen Autonomie Region, kurz KRG, und der irakischen Zentralregierung.

Russlands Sotschi-Initiative: Opposition und Türkei lehnen PYD/YPG-Beteiligung ab

Im Falle der Türkei startete Ankara mit der Militäroperation „Euphrat Schild“ eine Initiative gegen die doppelte Bedrohung von YPG und dem „Islamischen Staat“ in der nordsyrischen Provinz Aleppo.

Während der „Islamische Staat“ mit seinen Terroranschlägen innerhalb der Türkei ein nationales Sicherheitsproblem darstellte, war die Präsenz des IS an der türkisch-syrischen Grenze schädlich, weil die syrische PKK das als Vorwand für seinen weiteren Expansionismus wahrgenommen hat.

Aus diesem Grund hat die Operation „Euphrat Schild“ sowohl dazu beigetragen, den „Islamischen Staat“ aus dem Grenzgebiet zu fegen, als auch die YPG vor der Besetzung der gesamten türkischen Südgrenze zu Syrien abzuschneiden.

Zweck der Idlib-Aufklärungsmission: Wer und was ist das Ziel?

Gegenwärtig wird deutlich, wie die türkischen Streitkräfte sukzessive in der syrischen Provinz Idlib einrücken, die als Rebellenhochburg bekannt ist. Auch wenn der Prozess in Idlib über die Astana-Friedensgespräche mit Russland und Iran gedeckelt ist und die türkische Armee beim ersten betreten der Rebellen-Region verlautbarte, dass die Aufklärungsmission zur „Reduzierung der Gewalt“ dient, wird die Türkei entsprechend der Möglichkeiten ihre militärische Präsenz von Tag zu Tag erhöhen.

Wenn man die jüngsten Stellungnahmen des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan berücksichtigt, positioniert sich die türkische Armee ohne erhebliche Spannungen mit Hayat Tahrir al-Scham, eine Organisation mit Beziehungen zum al-Kaida-Netzwerk, in Derrat Izza, um der YPG den Weg zwischen dem Kurden-Kanton Afrin und Idlib zu versperren, als auch einen weiteren Konflikt zwischen der Opposition und den Regierungstruppen zu verhindern.

Nach der endgültigen Zerschlagung des “Islamischen Staates” werden sich die in Syrien involvierten Parteien zu einem finalen Verhandlungstisch zusammensetzen, wo jeder mit seinen stärksten Argumenten für einen möglichst großen Platz am Tisch auftrumpfen wird.

Die Bemühungen der Türkei, Oppositionselemente des “Euphrat Schild”-Gebietes zu vereinen und einen integrierten Oppositionsarm zu errichten, sowie den Aufbau von Infrastruktur und Institutionen in der “Euphrat Schild”-Region durch die Türkei als auch die Bemühungen, den Einfluss in Idlib zu erhöhen, sind keine voneinander unabhängigen Manöver.

Die konstruktiven Aktivitäten der türkischen Regierung in der “Euphrat Schild”-Region im Bereich Gesundheit, Bildung und Sicherheit sowie die von den türkischen Streitkräfte errichteten Militärstützpunkte zeigen, dass die Türkei in der Lage ist, in diesen Regionen eine dauerhafte Struktur aufzubauen.

Türkei startet militärische Aufklärungsmission in Syriens Idlib-Region

Unter diesem Gesichtspunkt kann vorausgesagt werden, dass die Idlib-Kampagne und die damit verbundene Politik der Türkei den Einfluss Ankaras in Nordwestsyrien erhöhen wird. Die Türkei ist sich bewusst, dass das al-Assad-Regime und dessen Alliierten die Türkei durchaus aus Aleppo und Idlib herausjagen und damit vom Verhandlungstisch drängen wollen. Ebenso stellt eine umfangreiche Flüchtlingsflut, die aus einer solchen Konfrontationslage resultieren könnte, eine weitere ernste Bedrohung dar. Die Flüchtlingsfrage ist ein Argument, warum Ankara seine Dominanz in Idlib mit eigenen Soldaten verstärken und gleichzeitig den Einfluss auf lokale Elemente erhöhen möchte. In dieser Hinsicht ist die HTS-Miliz, eine der stärksten Gruppen in der Region, ein Hindernis für die Zementierung des türkischen Einflusses in Idlib.

Statt aber in Ankara einen neuen Feind zu bekommen, kann man annehmen, dass es innerhalb von HTS mittelfristig zu Brüchen kommen wird und dass die politisch überlebenswichtige zivile Unterstützungsbasis in Idlib mit einer ernsthaften Verlagerung zu Gunsten der protürkischen Opposition beschwichtigt wird.

Es ist eine Tatsache, dass die Türkei, solange nicht dazu gezwungen, den Grundsatz einer Nichtkonfrontation mit HTS verfolgt. Ankara rückte zuvor in West-Aleppo ohne Konflikte mit HTS ein und verhandelte mit der Organisation.

Richtung der türkischen Streitkräfte in Nordwest-Syrien: Ausweiten und etablieren

Obwohl nicht offiziell bestätigt, deuten zahlreiche Informationen darauf hin, dass die türkische Armee weitere Stellungen von West-Aleppo aus weiter im östlichen Anadan, in der Nähe von Idlib-Stadt und davon südlich errichten wird. Die türkische Armee scheint dafür die ehemaligen Militärstützpunkte Ebu Zuhur und Taftanaz für die Errichtung von Boabachtungsstellungen nutzen zu wollen.

Die Türkei hat zwei zentrale Erkenntnisse aus dem sechsjährigen syrischen Bürgerkrieg mitgenommen, die fordern, dass die Türkei nun die Initiative ergreifen muss: Die diversen Rebellengruppen in Idlib müssen genutzt werden, um die militärischen Fähigkeiten der syrischen Armee und ihrer Verbündeten angesichts eines Angriffs auf die Oppositionsregionen zu schwächen.

Die Türkei setzt allerdings kein großes Vertrauen in die Fähigkeiten des militärischen Widerstandes der zersplitterten Rebellen in Idlib im Falles eines Kampfes gegen einen die Truppen Assads, Russlands und Irans. Deshalb ist zu erwarten, dass die türkische Armee, um die Möglichkeit eines gemeinsamen syrisch-iranisch-russischen Angriffs zu verringern, nicht nur Militärstellungen entlang der Afrin-Idlib-Linie aufstellt, sondern auch in Zentral-Idlib und Süd-Idlib. Weitere Stellungen werden in West-Aleppo hinzukommen.

Durch die Erhöhung des Einflusses der türkischen Streitkräfte im Rebellen-Raum mit Blick auf Rebellen-Milizen und die Zivilbevölkerung kann sich der Türkei ein Umfeld bieten, in dem sie HTS schwächen oder dazu zwingen kann, sich zu moderatisieren und an den Rebellen-Mainstream anzupassen.

Die Militärstützpunkte wie Taftanaz, Abu Zuhur, Hamidiye und Vadi el-Deyf, die die türkischen Streitkräfte zu vertretbaren Kosten umgestalten können, können einen natürlichen Etablierungsraum für Ankara darstellen.

Die nächste Stufe dieser Entwicklung wird die Ausweitung der türkischen Militärpräsenz auf den Süden von Maraat Numan und den Norden von Dschisr al-Schugur sein.

In einem solchen Szenario wird die Türkei in der Lage sein, allen Bedrohungen etwas entgegenzuwenden, die sich aus dem Dreieck von Hama-Aleppo-Lattakia gegen Idlib wenden. Am Verhandlungstisch mit dem Regime werden die türkischen Forderungen für die Region, die das türkische Militär umfasst, starke Karten haben.

Eine begrenzte Bodenoperation der türkischen Armee im Süden von Afrin wird dafür sorgen, dass die Region Idlib über die Azez-Idlib-Linie mit dem “Euphrat Schild”-Gebiet verbunden wird. Dabei hat es Ankara auf die Einnahme der Stadt Tall Rifaat abgesehen, die ein Bindeglied darstellt. Der YPG gehaltene Kurden-Kanton wird in diesem Fall von der Türkei und ihren Rebellen-Verbündeten wie eine Insel von allen Seiten eingekreist. Türkische Truppen werden sich dann den syrischen Regierungstruppen in West-Aleppo, im Raum von Idlib und der “Euphrat Schild”-Region auf Schussweite gegenüberstehen.

In all diesen Szenarien gibt es Hindernisse, die sowohl lokale als auch internationale Akteure für die Türkei auslösen können. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Russland Einmischungen der syrischen Armee von Zeit zu Zeit tolerieren könnte, damit die Türkei in Idlib und Umgebung nicht noch einflussreicher wird. Ebenso besteht die Möglichkeit, dass die USA Elemente der YPG/PKK missbrauchen könnten, um die Türkei zu provozieren.

Ankara muss sich dessen bewusst sein, dass Widersacher den Kampf gegen den Terrorismus mit HTS missbrauchen könnten, um auch andere Rebellen-Gruppierungen, die Ankara tendenziell nahestehen, anzugreifen. Das hätte verheerende Folgen für die Zivilbevölkerung.

Eine militärische dauerhafte Positionierung dank einer entschiedenen türkischen Syrien-Politik in den Regionen Idlib und Aleppo (ländlicher Raum) wird für viele Akteure in Syrien, insbesondere den Vereinigten Staaten, eine unerwünschte Folge sein. Die USA suchten lange nach Wegen, die Türken von Einflusszuwächsen in Syrien fernzuhalten.

Trotz des Abschlusses der Rakka-Operation gegen den „Islamischen Staates“ wird die umfangreiche westliche Waffenhilfe an die YPG oder auch in Zukunft die Lage im Irak neue Herausforderungen für Ankara hervorbringen. Die ergriffenen Maßnahmen der türkischen Rivalen in Idlib und Aleppo werden Ankaras Optionen in Idlib prägen.

Die Türkei kann wie Russland zu einem permanten Akteur in Syrien werden, wenn es sich in Idlib entsprechend mit Militärstützpunkten etabliert, um Widersacher auf Distanz zu halten. Sollte sogar die Verbindung von Idlib mit der Azez-Dscharablus-Bab-Linie der Türkei gelingen, dann steigt Ankara zu einem dominanten Akteur im Nordwesten Syriens auf. Eine solche Situation würde entweder ein ernsthaftes Zugeständnis des Assad-Regimes oder die Entscheidung bedeuten, einen Konflikt mit der Türkei zu riskieren und damit künftig komplett Einfluss auf Gebiete zu verlieren.

Der Artikel wurde in Kooperation mit Suriye Gündemi verfasst.



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