Osmanische Perspektive als Überlebensnotwendigkeit für die Türkei

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Der Yeni-Şafak-Kolumnist Ibrahim Karagül fordert in einer am Mittwoch erschienen Kolumne die Umsetzung einer auf russische und iranische Expansionsambitionen reagierende, aggressive türkische Außenpolitik, die die Grenzen des Osmanischen Reiches zum Maßstab türkischen Einflussdenkens erhebt. Ansonsten drohe Anatolien von fremdem Imperialismus zerteilt zu werden.

So gut wie jedes Land kehrt derzeit zu seinen ehemaligen imperialen Landkarten zurück. Sie sehen sich in ihren vergangenen Einflussgebieten, ihren Domänen, nach wirksamen Partnerschaften um. Dort, wo sie sich am stärksten fühlen, sollen neue, selbst kontrollierte politische Zentren entstehen.

Das Jahrhundert des imperialen Rückgangs sei zu Ende und stelle unter den heutigen Umständen keine Legitimation mehr da. Karagül findet, dass nur die gefühlte Verlagerung von Grenzen hin zu strategischen Partnerschaften jenseits der eigenen Grenzen in den stürmischen Zeiten des 21. Jahrhunderts gewünschte Sicherheit für Ankara liefern könne. „Regionale Allianzen, die in der Türkei des 20. Jahrhunderts nie für möglich gehalten wurden“, seien heute zur unüberbrückbaren Notwendigkeit geworden.

Heutzutage könne kein Land mehr alleine bestehen, gleichbedeutend mit dem dadurch zum Scheitern verurteilten Wunsch, als Machtzentrum im 21. Jahrhundert aufzugehen. Eine Isolationspolitik, die phasenweise von kemalistischen Regierungen gepflegt wurde, sei keine Option für die moderne Türkei.

Nun sei die Zeit gekommen, in der jedes Land seine imperialen Pläne neu aufschlagen müsse. Zur Legitimation für ein behändes Engagement der Türkei in ihrer regionalen Peripherie führte Karagül seiner Meinung nach expansive Staaten wie Russland und Iran an, aber auch Frankreich und Großbritannien.

Besonderer Fokus fiel dabei auf Russland und Iran, die beide mit der Türkei überschneidende geopolitische Interessen verfolgen. Die Türkei reagiere lediglich auf den aggressiven Expansionismus beider regionaler und historischer Widersacher.

Die Türkei tue es ihren Gegnern gleich, um dem Druck von außen (vonseiten des Irans und Russlands) standzuhalten. Täte sie dies nicht, dann drohten die totale Aufteilung und schließlich der Verlust des eigenen Staatsterritoriums. Um Anatolien zu schützen, sei die Entwicklung eines außenpolitisches Beziehungsmodell gegenüber der arabischen Welt, den Kurden, den Iranern und allen anderen Akteuren im Nahen Osten notwendig.

Der Kolumnist will hinter dem politischen Kurs des russischen Präsidenten Wladimir Putin eine Parallele zu den Maximen des zaristischen Russlands entdeckt haben, als dieser die Krimhalbinsel 2014 in die Föderation wiederaufnahm, die militärische Kooperation mit Armenien stärkte und 2008 den Georgienkrieg führte. Nicht umsonst interveniere Russland gegenwärtig auch in Syrien.

Im Iran seien die Verhältnisse nach der „Islamischen Revolution“ im Jahr 1979 noch offensichtlicher. Seit der Revolution verfolge Teheran einen aggressiven persischen Expansionismus unter dem Banner des schiitischen Islams. Unter diesem Zeichen würden nicht zuletzt die Bürgerkriege im Jemen, Irak, Syrien und die interreligiöse Spannungen im Libanon stehen.

Karagül, der eine türkische Expansionspolitik unter dem Banner des sunnitischen Islams fordert, warnte, dass sich Ankara angesichts des Willens Teherans nicht untätig verhalten dürfe. Der Persische Golf sei daher auch eine Angelegenheit, die türkische geopolitische Erwägungen tangieren sollte.

„Der Moment, in dem wir unsere Hand vom Kaukasus oder dem Balkan lassen“, werde jener sein, von dem an sich konkurrierende Ideologien von Syrien und dem Irak aus auf türkische Einflussbereiche und schließlich Anatolien ausbreiteten, behauptete Karagül in der Zeitung mit einer täglichen Auflage von rund 110 000 Blatt. Vor allem könnte der syrische Bürgerkrieg über die türkischen Grenzen schwappen.

„Die Verteidigung Anatoliens beginnt in Sarajewo, Baku, Damaskus und Bagdad. Sogar unser geopolitisches Gedächtnis [von der Türkei]gebietet es uns“, forderte er. Die „Syrifizierung“ der südlichen Provinzen der Türkei durch die „Kurdische Arbeiterpartei“, kurz PKK, sei ein Zeichen dafür, dass die „Verteidigungslinie“ auf das „Herz“ des eigenen Staatsterritoriums verlegt wurde. „Dies sei sehr traurig, doch wahr“, schrieb Karagül.

Der der religiös-konservativen türkischen Regierung nahe stehende Publizist forderte als Antwort auf die Entwicklung die Wiederaufnahme des osmanischen Erbes der Türkei in die Staatsräson. Diese biete der Türkei und ehemaligen osmanischen Staaten ein neues Solidarkonstrukt, auf dessen Basis sich gegen den Einfluss Irans effizient vorgehen ließe. Dabei ist explizit nicht die Rede von der Einverleibung der Regionen. Vielmehr sieht der Kolumnist eine gewisse politische lose politische Führerschaft vor, in der Ankara in den ehemaligen osmanischen Einflussgebieten von Bosnien bis nach Aserbaidschan und von Aleppo bis nach Katar eine historisch legitimierte Akzeptanz erfährt. Die Türkei solle als wohlwollende Verteidigerin der von fremden Mächten unterdrückten sunnitischen Muslime wahrgenommen werden.

Dies gehe allerdings nur mit der Akzeptanz eines Selbstverständnisses einher, wonach die Türkei ihr seldschukisches und osmanisches Erbe wieder voll und ganz annehme und pflege. Die Mentalität des Sultans Fatih Mehmed II., Regierungszeit von 1444-1481, der Istanbul eroberte, und des Sultans Selim I., Regierungszeit von 1512-1520, der als erster osmanischer Herrscher den Titel des Kalifen und „Dieners der Heiligtümer“ von Mekka und Medina trug, werden heute wieder gebraucht. Das funktioniere aber nur, wenn sich die Türkei mit ihren Partnerländern noch enger vernetze.

Karagül warnte, dass sich die politische Landkarte des Nahen Ostens bereits in zehn bis 20 Jahren völlig verändern könnte: Es würden kleine Staaten aus großen Staaten – damit spielt er vermutlich auf Syrien und den Irak an – entstehen. Diese werden große Fronten auszufechten haben. Unter diesen Umständen müsse „die Türkei sich schützen“. Sollte sie es nicht tun und in diese Entwicklung intervenieren, dann werde die Türkei ein Jahrhundert lang gegen die für sie vorgesehene politische Landkarte ankämpfen müssen.

Die Golfstaaten und Saudi Arabien nächstes Ziel nach Syrien

Während Russland und Iran türkische Interessen in Syrien aktiv und aggressiv bekämpfen, seien neue Ziele im Persischen Golf bereits ausgemacht: die arabischen Golfmonarchien. „In dieser Zeit wird die Türkei im eigenen Land mit dem Kampf gegen den ethnischen Terrorismus durch die PKK und deren syrischen Ableger, die PYD/YPG, gebunden sein“, schlussfolgert der Publizist. Dieser Umstand würde dazu führen, dass die Türkei die Golfstaaten ihrem Schicksal gegenüber einem gestärkten Iran überlassen müsste. „Der Grund, warum sie entlang der türkischen Grenze alle Gebiete [nordsyrischer Korridor]erobern wollen, ist, Ankara [geografisch]abzuschneiden.“

Bagdads harte Haltung in Bezug auf die türkische Truppenentsendung nach Baschika unweit von Mosul spiegle nur noch Teherans Haltung auf den Umstand wieder. „Der Bluff, dass ‚wir sonst Russland und Iran rufen‘, ist ein Fakt, der den eigentlichen Frontverlauf auch im Irak entschlüsselt. [Im Nahen Osten] haben sich Russland, der Iran und die [pro-iranische Schiiten-]Regierung in Bagdad zu einem Block formiert“, behauptete Karagül. Das ist eben die gleiche Konstellation, die sich im syrischen Bürgerkrieg auf einer Seite wiederfindet.

Da der gesamte Nahe Osten umgestaltet werde, dürfe die Türkei nicht untätig zu schauen. Die Zeit für Diplomatie sei vorbei. Die Karten würden mittlerweile ausgespielt werden. Nun müssen auf dem Schachbrett alle ihre Fähigkeiten zeigen. Die kleinste Blindheit oder Unachtsamkeit werde dazu führen, dass Ankara in naher Zukunft einen hohen Preis zahlen müsse.

„Die Türkei muss ihre eigene osmanische und seldschukische Karte über die konkurrierenden Karten ausbreiten“, schloss Karagül seinen Artikel ab.

 



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