Türkei hat ein Auge auf Syriens Afrin geworfen und al-Assads Optionen

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Seit mehr als sechs Monaten schwenkt die Türkei die Kriegsflagge über die syrisch-kurdische Stadt Afrin im Nordwesten, wo in den letzten Monaten über 15.000 Kämpfer positioniert wurden. Diese Kriegsvorbereitungen richten sich gegen den syrischen PKK-Ableger, die YPG-Miliz. Was sind die Positionen Russlands und der al-Assad-Regierung gegenüber Ankara?

von Elijah J. Magnier

Es besteht kein Zweifel, dass Damaskus in einer unangenehmen Lage ist, sowohl was die Kurden als auch was die Türken betrifft. Es ist klar, dass die syrische Regierung in den Kurden eine große Bedrohung sieht, da die USA die syrisch-kurdische Miliz (YPG) im Nordosten des Landes unterstützen. Diese werden von den US-Streitkräften genutzt, um die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ zu vertreiben und Washingtons Interessen und Ziele in der Levante zu erreichen.

Der syrische Präsident Baschar al-Assad sieht in der Türkei ebenfalls eine Besatzungsmacht im Norden Syriens, ähnlich wie die US-Streitkräfte: Er möchte das gesamte syrische Territorium befreien, im Gegensatz zu Russland, das es vorzieht, den Krieg so schnell wie möglich zu beenden und Verhandlungen am Verhandlungstisch aufzunehmen.

Es muss jedoch gesagt werden, dass die türkische Intervention im Norden Syriens das Land vor einer scheinbar unausweichlichen Teilung bewahrt hat, als die Kurden von al-Hasaka nach Afrin im Nordwesten des Landes aufbrachen, um entlang der türkisch-syrischen Grenzen einen neuen kurdischen Staat zu gründen, der zusätzlich von den USA unterstützt wird. Die US-Amerikaner waren auf der Suche nach einer großen und stabilen Militärbasis (es gibt über 10 temporäre US-Basen in al-Hasaka) in einer nicht feindlichen Umgebung sowie unter unterwürfigen Bevölkerungsgruppen und bewaffneten Gruppen, namentlich die YPG-Miliz. Tatsächlich war die türkische Intervention eine Notwendigkeit für Ankara selbst und für seine nationale Sicherheit (die kategorische Ablehnung eines kurdischen Staates an seinen Grenzen, der den Eifer von 16 Millionen Kurden befeuern würde, die in der Türkei leben).

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Die Interessen von Damaskus und Ankara trafen daher auf dasselbe Ziel: die Verhinderung einer kurdischen Enklave, die von den USA auf syrischem Territorium regiert wird.

Damaskus ist sich aber bewusst, dass Ankara nicht nur die Entstehung eines neuen kurdischen „Staats“ an seiner Grenze stoppen will, sondern auch einen viel größeren Appetit auf Syrien hat und das seit Beginn des Krieges. Als die Türkei es versäumte, ihre Rebellen-Ableger an die Spitze der Macht in Damaskus zu bringen, richtete sich ihr Blick auf Aleppo, die syrische Industriehauptstadt: Hier waren alle pro-türkischen syrischen Kämpfer am Ende des ersten Kriegsjahres sehr aktiv und demontierten riesige Fabriken, die in die Türkei geschmuggelt und wieder aufgebaut wurden. Tatsächlich war es 2012, ein Jahr nach Beginn des Aufstands, dass pro-türkisch-syrische Rebellen aus dem ländlichen Aleppo und Idlib in Richtung der Industriehauptstadt marschierten.

Sicherlich zwang die Unfähigkeit der Armee, an mehreren Fronten gleichzeitig eingesetzt zu werden, die Regierung in Damaskus, die Städte in der Reihenfolge ihrer Priorität wiedereinzunehmen, und so zielte sie auf den gefährlichsten Feind in den ersten Jahren des Krieges. Assad wollte zunächst die Kontrolle alle wichtigen Städte wiederherstellen, insbesondere die Hauptstadt Damaskus sichern und dann weiter nach Aleppo ziehen. Als die syrische Armee und ihre Verbündeten die syrische Industriestadt Aleppo einnahmen, zerfiel der türkische Traum von einer neuen machtvollen Einflusssphäre zumindest teilweise: Der Verlust Aleppos wurde durch die türkische Einnahme mit syrischen Verbündeten mehrerer anderer Städte im Norden Syriens kompensiert, die bis heute unter türkischer direkter Kontrolle und Einflussnahme stehen.

Die Türkei beschwerte sich bei den USA über ihre Absichten in Syrien und ihre Unterstützung für ihre kurdischen Vertreter, die Feinde Ankaras. Der US-Verteidigungsminister James Mattis war sehr deutlich: Die Zusammenarbeit der USA mit den Kurden war keine Frage der eigenen Wahl, sondern eine Notwendigkeit, die durch die Umstände und die Notwendigkeit, den „Islamischen Staat“ zu bekämpfen, auferlegt wurde. Es scheint, dass die Kurden froh waren, von den USA benutzt zu werden, und sich bewusst waren, dass sie später fallen gelassen werden. Es besteht kein Zweifel daran, dass die USA die Kurden nicht gegen ihre strategische Allianz mit der Türkei unterstützen werden, vor allem wenn Russland so nah dran ist und darauf wartet, Washington beim ersten falschen Schritt seines türkischen Verbündeten zu berauben.

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Dennoch ist die türkische Präsenz und Expansion im Norden Syriens für Damaskus äußerst besorgniserregend. Aber ohne die Türkei würden die USA zweifellos einen Teil Syriens an sich reißen. Doch mit der Kontrolle syrischen Territoriums durch die Türkei (al-Bab, Dscharablus, Azaz, Dabiq) verwandelt Ankara den Norden in eine türkische Enklave, wo es einen Gouverneur gibt, die türkische Sprache unterrichtet und ein großer Militärstützpunkt gebaut wird.

Für Damaskus kommt die größere und bedeutendste Gefahr aus den USA als aus der Türkei. Die US-Amerikaner erlauben es den Kurden, 39.500 Quadratkilometer (23 Prozent des syrischen Territoriums) und große Öl- sowie Gasreserven zu kontrollieren. Darüber hinaus bieten die US-Streitkräfte Schutz für das, was von der Terrororganisation „Islamischer Staat“ übrig geblieben ist: Sie haben es tausenden von Terroristen erlaubt, östlich des Euphrat-Flusses präsent zu bleiben (die USA hindern die syrische Armee, ihre Verbündeten und Russland daran, den Fluss zu überqueren, um den IS zu eliminieren), und stellen somit eine direkte Bedrohung für Syrien und seine Verbündeten dar – besonders wenn die Zeit gekommen ist, die syrischen Golanhöhen zu befreien und den ersten Verbündeten der USA, Israel, anzugreifen.

Lieber gegen Türkei oder USA?

Al-Assad hat ein Dilemma, obwohl seine Position sehr klar ist: Alle syrischen Gebiete müssen befreit werden. Das Problem ist, wie geht man mit zwei starken Besatzern um? Assad ist sicherlich bereit, den Kampf wieder aufzunehmen – besonders jetzt, wo er die Oberhand hat und die syrische Armee sehr schnell wächst. Dennoch ist Russland nicht bereit, den Krieg fortzusetzen, ist aber bereit, al-Kaida und seine Verbündeten um Idlib zu eliminieren, da die Stadt selbst der türkischen Regierung im Rahmen der Friedensgespräche in Sotschi nach einem Deeskalationsabkommen übergeben wurde. Assad glaubt auch, dass er genügend syrische Widerstandskräfte hat, was die libanesische Schiiten-Miliz Hisbollah betrifft, die über ausreichende Ausbildung und Bereitschaft verfügt, einen Aufstand gegen alle Besatzungsmächte zu beginnen, wenn die Zeit gekommen ist.

Laut al-Assad – und nach einem engen Kontakt innerhalb seines inneren Kreises – kann Syrien den Nordosten Syriens befreien, auch wenn dies viele Jahre dauert. Der Nordosten des Landes steht unter Kontrolle der YPG-Miliz. Al-Assad beobachtete das Ergebnis des Widerstands der Hisbollah im Libanon nach der israelischen Invasion von 1982 und wie Israel sich im Jahr 2000 einseitig und bedingungslos von den meisten besetzten Gebieten im Süden des Libanon zurückzog. Laut al-Assad beschäftigen die syrischen Streitkräfte samt Milizen genug Truppen, die über eine ausreichende Ausbildung (dank sechsjährigem Krieg), um den Norden Syriens für beide Besatzungsmächte zur Hölle auf Erden zu machen. Und schließlich, solange sich die Kurden hinter den Röcken der USA verstecken, werden die Kurden in al-Hasaka von Damaskus als Verräter betrachtet.

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Al-Assad muss darüber informiert sein, dass es Kurden gibt, die die syrische Regierung in Aleppo, Afrin und sogar al-Hasaka unterstützen. Die syrische Armee unterhält zusammen mit ihren Verbündeten immer noch eine beträchtliche Truppe in der al-Hasaka-Provinz, unweit der US-Präsenz.

Im Moment ist es die Priorität von Damaskus, einen großen Sicherheitsrand um Damaskus und auch um die Hauptverkehrsstraße Aleppo-Hama-Homs herum zu sichern. Die syrische Regierung kann sich erst dann manifestieren, wenn sich das Land erholt, was langsam vonstatten gehen wird, und beginnt mit dem Wiederaufbau der verheerenden Schäden, die durch den Krieg verursacht wurden, dessen Kosten auf über 300 Milliarden US-Dollar geschätzt werden.

Konflikt zwischen Türkei und al-Kaida vorprogrammiert?

Al-Assad kann nur fordern, dass sich sowohl die türkischen als auch die US-amerikanischen Streitkräfte zurückziehen. Er kann al-Kaida auf Idlib beschränken und das Gras unter seinen Füßen im Norden des Landes mähen, indem er der Türkei erlaubt, die Stadt Idlib zu kontrollieren, die, so hofft Damaskus, letztendlich einen internen Konflikt zwischen den Dschihadisten selbst und den pro-türkischen syrischen Gruppen auslösen könnte.

Russland ist in Afrin präsent und es wird nicht erwartet, dass es der Türkei freie Hand gibt, die Stadt zu besetzen. Russland will keine weiteren demographischen Veränderungen und strebt eine Beendigung des Krieges an, indem es sich auf eine politische Verhandlung zubewegt, die alle Parteien einbezieht. Russland will weder im Süden Syriens noch jenseits des Euphrats (unter der Kontrolle der USA) Kräfte unterstützen, ist aber froh, den größten Teil der Umgebung Idlibs zu säubern.

Die Nachkriegszeit – auch wenn einige Fronten noch aktiv sind – dürfte wesentlich schwieriger sein als der Krieg selbst. Viele Interessen verflechten sich, und zwei starke Länder – die Türkei und der Iran – haben Kräfte in Syrien sowie zwei Supermächte (Russland als auch die USA) und werden eine Navigation zwischen diesen Ländern erfordern, wobei die Interessen der iranisch angeführten „Achse des Widerstands“ – plus israelische Nervosität – zu berücksichtigen sind. Das Eintauchen in Friedensverhandlungen, die Vereinigung von Rebellengruppen, die in all den Jahren des Krieges gespalten waren, der Wiederaufbau des zerstörten Landes und seiner Infrastruktur sowie die Versöhnung unter den Syrern sind nahezu unmögliche Aufgaben für jede syrische Regierung, die sich im Jahr 2018 den Herausforderungen stellen muss.

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