Das türkische Handelsvolumen mit Syrien steigt auf über 1,8 Milliarden US-Dollar

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Die Türkei ist trotz des Bürger- und Stellvertreterkriegs in Syrien zum wichtigsten Handelspartner des arabischen Landes aufgestiegen. Das Handelsvolumen ist inzwischen auf Vorkriegsniveau gestiegen. 

Die Analyse vom französischen Think Tank ifri, die sich auf die Zunahme der türkischen Exporte nach Syrien während des Bürgerkriegs konzentriert, basiert auf offiziellen türkischen Statistiken und Schätzungen syrischer Ökonomen. Anders als in der Vergangenheit bestehen diese Ausfuhren aus grundlegenden Konsumgütern, die für ganz Syrien bestimmt sind und nicht nur für Gebiete, die von der Opposition kontrolliert werden. Durch die Sanktionen gegen Syrien haben die türkischen Exporte zur Schaffung eines kriegswirtschaftlichen Handelsnetzes beigetragen. An den Knotenpunkten dieses Netzwerks haben sich neue Städte als Wirtschaftsplattformen herausgebildet, ebenso wie „Grenzhandelsstädte“ zwischen Regierung, Opposition, dem „Islamischen Staat“ und der PKK-nahen Kurden-Miliz YPG.

Türkische Exporte nach Syrien trotz des Krieges

Im Jahr 2015 erregte eine Zahl die Aufmerksamkeit der Beobachter, insbesondere der Türken. Die türkischen Exporte nach Syrien haben das Vorkrisenniveau wieder erreicht. Nach Angaben des türkischen Statistikamtes haben diese Exporte 2014 1,8 Milliarden US-Dollar erreicht, was dem Jahr 2010 entspricht. 2014 war ein Ausnahmejahr.

Dieses Niveau der türkischen Exporte ist umso erstaunlicher, als sie einen dramatischen – und verständlichen – Rückgang im Jahr 2012 erlebten, dem Jahr, in dem der Volksaufstand in einen offenen Krieg überging, und dem Jahr der Eroberung Aleppos und seiner Umgebung durch die syrischen Kriegsparteien, die von der Türkei unterstützt wurden. Im Gegensatz dazu war das Jahr 2014 geprägt von heftigen Kämpfen zwischen Rebellengruppen. Außerdem eroberte der „Islamische Staat“ seine inoffizielle Hauptstadt Rakka in Ost-Syrien.

Die Überraschung ist umso größer, wenn man bedenkt, dass die türkischen Exporte einem Großteil der gesamten syrischen Importe entsprachen, die mit den Sanktionen und der allgemeinen Armut der Bevölkerung zusammenbrachen. Die türkischen Exporte stiegen von 9 Prozent der gesamten syrischen Importe im Jahr 2010 auf 15 Prozent im Jahr 2014 und dann auf 20 Prozent im Jahr 2015. Das syrische Handelsniveau mit Libanon und Jordanien ist im Vergleich sehr bescheiden geblieben und insgesamt rückläufig.

Syrische Investoren nicht die Ursache für wachsende türkische Präsenz

Türkische Analysten reduzieren diesen Anstieg der Exporte auf die Welle syrischer Investitionen in der Türkei, die mit der Welle der Migranten auf der Flucht begleitet wurden. Die beiden ersten wirtschaftlichen Institutionen mit syrischem Kapital wurden 2010 gegründet; seitdem haben sich solche Institutionen mit syrischem Kapital sehr schnell entwickelt.

Das von der Union der türkischen Handelskammern und Warenbörsen (TOBB) veröffentlichte Handelsregister zeigt jedoch, dass die Gründung syrischer Unternehmen vor 2013 unbedeutend war. Die syrischen Investitionspartnerschaften machen mehr als 40 Prozent der Unternehmensneugründungen mit ausländischem Kapital in der Türkei aus und übertreffen in ihrer Zahl die ihnen vorangegangenen iranischen und deutschen Partnerschaften, die sich verlangsamt haben, bei weitem.

Der größte Teil syrischer Wirtschaftspräsenz besteht aus kleinen Unternehmen, die von Syrern mit Wohnsitz in der Türkei gegründet wurden, um wirtschaftliche Einnahmen zu sichern.

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Unterschiedliche Art und Herkunft der türkischen Exporte

Der Zusammenhang zwischen der Gründung syrischer Unternehmen und der Zunahme der Exporte aus der Türkei nach Syrien ist fraglich. Im Jahr 2015 gingen die Ausfuhren nach Syrien zurück, während sich das Tempo der Unternehmensgründung beschleunigte.

Richtig ist, dass sich die Rolle der verschiedenen türkischen Regionen bei den Ausfuhren nach Syrien erheblich verändert hat, was die an Syrien angrenzenden Regionen begünstigt. Vor dem Krieg hatten die Regionen West und Istanbul den größten Anteil.

Und allmählich sind es Gaziantep, Hatay, Adana und Mersin, die die Hauptrolle übernommen haben. Der Anteil dieser südlichen Regionen der Türkei hat sich von 20 Prozent auf 60 Prozent der Gesamtausfuhren nach Syrien erhöht. Es sei jedoch darauf hingewiesen, dass die östlicheren Regionen mit einer starken kurdischen Präsenz bei den Ausfuhren nach Syrien keine Rolle gespielt haben, obwohl man von ihnen zumindest erwartet hätte, dass sie die von der PKK-nahen kurdischen YPG gehaltenen Regionen bedient.

Da sich diese türkischen Regionen selbst in Aufruhr befinden, konnte sich zumindest offiziell kein grenzüberschreitender kurdischer Handel entwickeln.

Die Exporte scheinen eher aus türkischen Produkten und nicht aus Reexporten zu bestehen. Auf der Website des türkischen Außenministeriums heißt es, dass sich die exportierten Produkte aus „pflanzlichen Ölen, tierischen Fetten und ihren Derivaten, Produkten für den Hausgebrauch, Zubereitungen aus Getreide, Mehl, Stärke oder Milch, Eisen und Stahl, Salz, Schwefel, Erden und Steinen, Putzmaterialien, Kalk und Zement“ zusammensetzen.

Der Einfluss dieses Handels mit Syrien ist jedoch unbedeutend, selbst für Gaziantep, der etwa 5 Prozent aller Exporte ausmacht. Die Gesamtexporte spiegeln diesen Anstieg also nicht wider. Zudem sind die Importe für diese Region auch nicht von der Zunahme betroffen, was die Möglichkeit, dass es sich bei den Exporten nach Syrien um Reexporte handelt, widerlegt. Selbst für die etwas weniger aktiven Regionen wie Hatay, Mersin oder Şanlıurfa, in denen der Handel mit Syrien etwa 10 bis 15 Prozent beträgt, war bei der Gesamtentwicklung der regionalen Exporte und Importe nichts zu beobachten.

Die detaillierten Exportstatistiken nach Produkten zeigen drei dominante Positionen im Jahr 2014: Getränke und verarbeitete Nahrungsmittel (487 Millionen US-Dollar statt 102 Millionen US-Dollar m Jahr 2011); verarbeitete Produkte, die von der Industrie verwendet werden (353 Millionen US-Dollar statt 758 US-Dollar im Jahr 2011), und Produkte, die nicht nach den Broad Economic Categories klassifiziert sind (die es 2011 nicht gab und die 2014 343 Millionen US-Dollar erreichten und bis 2015 auf das Niveau von 140 Millionen US-Dollar hochgingen). Daher gibt es allen Grund zu der Annahme, dass die Türkei nach der Zerstörung der Fabriken in Aleppo alltägliche Konsumgüter, die nicht mehr in Syrien hergestellt werden, aus ihren eigenen Fabriken exportiert hat.

Details

Die Exporte von Elektrizität und Erdölprodukten machten 2011 ein Viertel der Gesamtausfuhren aus. Sie sind nach 2012 praktisch verschwunden, was den Anstieg der Exporte noch bemerkenswerter macht. Die Art der meisten Ausfuhren verlagerte sich von Zwischenerzeugnissen für die Industrie zu grundlegenden Verbrauchsgütern wie Mehl, Fleisch, pflanzliche Öle, tierische Fette und verarbeitete Textilien. Automobil-, Stahl- und Zementexporte haben einen wichtigen Platz eingenommen. Ein erheblicher Teil der türkischen Exporte fällt unter die (unklare) Überschrift „Sonstige Industrieerzeugnisse“.

Darüber hinaus listet das Welternährungsprogramm (WFP) die in der Türkei gekauften Produkte für seine Nahrungsmittelhilfeprogramme in Syrien auf. Im Jahr 2014 beliefen sich diese türkischen Exporte auf 193 Millionen US-Dollar. Sie bestanden aus 39 Prozent Mehl, 28 Prozent pflanzlichen Ölen, 12 Prozent Linsen, 8 Prozent Zucker, 8 Prozent Kichererbsen und 7 Prozent Lebensmittelrationen.

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Wohin gehen die von der Türkei exportierten Produkte?

Die Daten der Türkischen Internationalen Transportunion spiegeln das Wachstum der türkischen Exporte im Jahr 2014 wider: 108 000 Lkw transportierten in den ersten elf Monaten des Jahres 2014 Produkte nach Syrien (330 pro Tag), verglichen mit nur 55 000 im Jahr 2013. Aber die Statistik der Grenzposten zeigt diese Bewegungen nicht. Dies ist umso erstaunlicher, als es sich bei diesem Transport nicht nur um türkische Exporte, sondern auch um syrische Importe aus anderen Ländern handelt. Der Zoll in Öncüpınar (Bab Salameh nördlich von Aleppo) und auf Cilvegözü (Bab Al-Hawa im Westen) verzeichnet nur minimale Exporte (76 Millionen US-Dollar im Jahr 2014 und 66 Millionen US-Dollar im Jahr 2015). Im Gegenteil dazu verzeichnet der Zoll in Nusaybin (gegenüber Qameshli, kontrolliert von der PYD/YPG) einen Anteil von 323 Millionen US-Dollar, wohl wissend, dass es sich letztendlich um Produkte handeln könnte, die für den Irak bestimmt sind.

Der Irak ist nach Deutschland das zweitwichtigste Ziel türkischer Exporte. Die Gesamtsumme erreichte 12 Milliarden US-Dollar im Jahr 2013. Mehr als 60 Prozent dieser Exporte gehen an die kurdische Regionalregierung (KRG). Was den Iran betrifft, so gingen die Exporte in den Irak 2014 um 10 Prozent zurück, 2015 sogar noch mehr. Umso überraschender ist die Annahme, dass über Syrien in den Irak reexportiert wird.

Abgesehen von der Frage der Transitwege für Exporte kursieren Gerüchte über die Zunahme der türkischen Exporte nach Syrien, weil ein großer Teil dieser Exporte in Wirklichkeit für den Irak bestimmt sein könnte, wodurch eine kleine Verarbeitungs- und Wiederausfuhrindustrie in der Provinz Aleppo angeheizt wird. Praktisch scheint die Annahme allerdings unlogisch.

Eine andere Annahme ist nachweisbar: Man braucht nur die Märkte in Damaskus, Tartus und Latakia zu besuchen, um türkische Konsumgüter überall zu sehen, ebenso wie in Idlib oder Aleppo. Trotz des Abbruchs der Beziehungen zwischen der Türkei und dem syrischen Regime und der Gründung der oppositionellen „Koalition“ in Istanbul als „einziger legitimer Vertreter des syrischen Volkes“ sind die türkischen Exporte in das „nützliche Syrien“ wieder aufgenommen worden. Aber auf welchem Weg?

Ein Syrien, das noch immer durch Handel vereint ist?

Feldstudien haben bereits gezeigt, dass der komplexe Weg des syrischen Öls, das von IS gefördert wird, zu allen Bereichen der Opposition, der PYD und des Regimes führt. Sie haben gezeigt, wie wichtig einige Rebellenstädte als Plattformen für Raffinerien und das Ölgeschäft waren. Dieses komplexe Muster gilt auch für die türkischen Exporte.

So zeigt eine kürzlich durchgeführte Umfrage, dass diese türkischen Exporte hauptsächlich über Cilvegözü/Bab al-Hawa abgewickelt werden. Die Stadt Sarmada hat sich zur Plattform für Großhändler entwickelt, genau wie al-Atareb ein Stück weiter. Die Konsumgüter sind von minderer Qualität, aber preiswerter als ihre syrischen Pendants. Einige türkische Industriekonzerne mit Sitz in Gazientep haben sich auf Nahrungsmittel für den syrischen und irakischen Markt spezialisiert, wie z.B. Altunsa. Aber Mersin bleibt die wichtigste Plattform für türkische Exporte, einschließlich Baustoffe (türkischer Zement und chinesischer Stahl), die ihre Preise angesichts des Einbruchs des syrischen Pfunds nahezu konstant gehalten haben.

Natürlich überschwemmen all diese Produkte die Märkte in den Rebellengebieten, aber auch in jenen, die von der Regierung, PYD/YPG oder IS kontrolliert werden.

So ist in einem geteilten Syrien im Krieg ein riesiges Handelsnetz entstanden, das auf Städten als Handelsplattformen wie früher basiert. Wegen der Bedeutung der türkischen Importe,

Sarmada wird heute von der syrischen Opposition, oder zumindest vom „befreiten“ Syrien, als „Wirtschaftshauptstadt Syriens“ bezeichnet. Große Unternehmen aus Aleppo und Nordsyrien haben sich dort niedergelassen. Dieses Netzwerk verbindet die Handelsplattformen mit Schlüsselstädten, die sich an den „Grenzen“ der Einflusssphären befinden und von allen Parteien außerhalb der Kampfzonen freiwillig unterhalten werden. Der Handel fließt in beide Richtungen. Zum Beispiel kommt Benzin aus den Gebieten des Regimes und Heizöl vom IS und der PYD. Der Handel findet auch mit türkischen Produkten statt, aber auch mit lokalen Produkten (die Weizenernte Syriens wird nach wie vor hauptsächlich von der Regierung gekauft), mit Produkten aus dem Irak (Teppiche usw.) oder aus dem Libanon. Es ist dieses Netzwerk, das die Kriegswirtschaft strukturiert, an der sich die kämpfenden Kriegsherren beteiligen.

In diesem Netzwerk sind türkische Importe ebenso beteiligt wie die Ölförderung, um Einkommensquellen für die verschiedenen Kampfgruppen aller Seiten zu schaffen und einen endlosen Krieg anzuheizen.

All dies geht weit über die Rhetorik der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen dem Regime und dem IS bis zu seiner Zerschlagung hinaus. In Wirklichkeit arbeitet jeder mit jedem für die wesentlichen Bedürfnisse zusammen. Wenn der Handel tatsächlich keine Religion hat, dann hat sich die Südosttürkei im Chaos des Krieges voll in dieses lebenswichtige Handelsnetz integriert. Was jetzt noch zu klären ist, ist, wie die russische Militärintervention mit der Regierung und die militärische Unterstützung der USA für die Kurden in Syrien die Plattformen und Knotenpunkte des kommerziellen Netzwerks in Syrien im Krieg verändern können.



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