„Wilder Westen“ in Mosul: Irakische Armee erwarten heftige Straßenschlachten mit „Islamischen Staat“

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Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ wird zwar die nordirakische Stadt Mosul verlieren. Der renommierte irakische Politikanalyst Tallha Abdulrazaq warnt allerdings, dass der „IS bereits mehr als eine Division der irakischen Armee kampfunfähig machte und die Kämpfe in West-Mosul erst noch in eine heiße Phase übergehen werden“. Der Konflikt mit der Zentralregierung bleibt auf absehbare Zeit ungelöst.

Während die Offensive auf West-Mosul der irakischen Armee in die vierte Woche geht, ist es nützlich in Erinnerung zu bringen, dass der Krieg gegen die Extremisten des „Islamischen Staates“ noch lange nicht vorbei ist. Obwohl es so erscheinen mag, dass die Schlinge um den IS in West-Mosul immer enger wird, bleibt zu bemerken, dass es die Organisation ihren Gegnern im Nordirak so blutig und teuer wie nur möglich machen wird. Hinzu kommt, dass die flächendeckenden und verheerenden Luftangriffe der US-geführten Koalition die sunnitische Zivilbevölkerung zusätzlich in die offenen Arme des IS treibt.

Der Hauptgrund, warum irakische Zivilisten in erster Linie leiden, ist, weil die schwache Zentralregierung in Mosul und Tel Afer auf Iran-unterstützte Kämpfer der schiitischen al-Haschd al-Schaabi (PMU) setzt, denen von Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch Brüche gegen das Menschenrecht unter der sunnitisch geprägten Zivilbevölkerung vorgeworfen wird. Während der IS beansprucht die Sunniten des Landes zu repräsentieren, betrachtet sich die PMU als Vertretung vorgeblich schiitischer Interessen. Mit der Intervention der USA im Irak haben sektiererische Tendenzen im arabischen Land deutlich zugenommen, die nicht selten von den USA Zwecks Machtwahrung gefördert wurden. In einem solchen Umfeld geht der barbarische Krieg mit sektiererischer Komponente um Mosul in eine neue Phase. Der Konflikt bleibt solange ungelöst, bis die irakischen Behörden eine langfristige Lösung finden, die das irakische Volk an erste Stelle stellt und die Einflussnahme der USA zurückdrängt.

Iraks Plan

Der Angriff der irakischen Armee wird wie in Ost-Mosul vom US-ausgebildeten und ausgerüsteten Antiterrordienst (CTS) sowie Einheiten der 9. bewaffneten Division und Föderalen Polizei, die von der schiitischen Badr-Organisation zersetzt ist, angeführt. Die zusätzlichen Einheiten sollen dem CTS ermöglichen, Kräfte für Angriffe auf West-Mosul frei zu machen.

Der bisher erfolgreiche operative Plan zielte auf die Eroberung des Flughafens von Mosul ab. Dort wollen die irakischen Truppen eine Logistikbasis einrichten, sobald IS-Einheiten außer Reichweite gedrängt wurden, die den Flughafen mit Artillerie angreifen könnten. Im Anschluss wollen die irakischen Truppen weiter gen Norden vorstoßen. Dabei halten sie sich möglichst nahe am Tigris-Fluss, der Mosul entzwei teilt. Dabei wollen die Truppen Bagdads eine der zwei großen Brücken der Stadt einnehmen. Obwohl alle Fluss überquerenden Brücken Mosuls von der US-geführten Anti-IS-Koalition zerstört wurden, erlaubt die Absicherung der Zugänge zu den Flüssen auf beiden Seiten, dass schnelle Reparaturen durchgeführt werden. Die föderalen Truppen Bagdads könnten somit einen Brückenkopf in West-Mosul etablieren.

Sobald der Brückenkopf abgesichert ist, werden Versorgung und Truppenreserven über den Ostteil der Stadt einsickern. Auf diese Weise könnte die irakische Armee die 100.000 Mann starke Einheit, die sie für den Kampf gegen die größte Schlacht mit dem IS seit 2011 bereitgestellt hat, zielgerichtet und einfacher an die Front verlegen.

Irakische Truppen rücken hauptsächlich vom Süden auf den IS in West-Mosul vor. Kurdische Peschmerga-Truppen sperren den nördlichen Stadtrand ab. Weiteren Druck erfährt die sunnitische Extremistenmiliz im Westen. Dort rücken sogenannte Haschd Schaabi-Einheiten, eine pro-iranische Schiiten-Miliz unter dem Kommando Bagdads, auf die Stadt Tel Afer vor. Die Stadt ist ein sunnitisch-turkmenisch besiedeltes Gebiet rund 60 Kilometer von Mosul entfernt, in dem sowohl Schiiten als auch Sunniten lebten. Die konfessionelle Mehrheit stellen Sunniten. Tel Afer verbindet die IS-Hochburg Mosul mit den Gebieten der Sunniten-Miliz in Syrien. Die Präsenz der pro-iranischen Haschd Schaabi in Tel Afer ist ein sensibles Thema in der türkischen Presse, auch aus geopolitischen Erwägungen heraus. Der Widerstand der türkischen Regierung, die sich als Schutzmacht der turkmenischen Minderheit betrachtet, ist angesichts der gegenwärtigen geopolitischen Wetterstimmung gegen die durchaus islamistisch geprägte Schiiten-Miliz gedämpft. Der IS ist sich sicherlich bewusst, dass er den Krieg im Irak über kurz oder lang nicht gewinnen kann. Es wird den Kampf gegen seine Gegner allerdings so teuer wie möglich machen und sich in die Köpfe seiner Anhänger und Feinde einbrennen. Seit Beginn der Kämpfe um Tel Afer tötete der IS bereits mehrere hochrangige Haschd Schaabi-Kommandeure, was ihm unter Teilen der sunnitischen Bevölkerung Sympathien einbringt.

Kraftprobe in West-Mosul

Der IS wird an allen Fronten militärisch angegangen. Wie bereits erwähnt, wird es für die sunnitische Extremistenmiliz schwer, ihren Einfluss im Irak zu erhalten. Insbesondere weil die Gruppierung unter einem erheblichen Personalmangel in den eigenen militärischen Reihen leidet.

Der britische General Rupert Jones vermeldete kürzlich, dass die US-geführte Koalition zwischen Ende 2014 und August 2016 45.000 IS-Kämpfer mittels Luftangriffen tötete. Abgesehen davon, dass die Zahl nicht verifiziert werden kann, hat sich der IS als gefährlicher und wehrhafter Widersacher erwiesen. Die Kämpfer der Miliz operieren strategisch und alles andere als ideologisch verbohrt. Die Gruppe weiß, dass sie Mosul nicht halten kann.

Der IS war erfolgreich dabei zu beweisen, dass der irakische Premierminister Haidar al-Abadi sein Versprechen nicht halten konnte, Mosul noch vor Ende 2016 zu befreien. Der Premier musste einräumen, dass die Kämpfe um drei weitere Monate andauern könnten. Der IS brachte dem irakischen Militär schwere Verluste in Mosul bei. Die Zahl der getöteten Soldaten und Bagdad-treuen Milizionäre könnte 7.000 Mann erreicht haben. Hinzu kommen mehrere tausende Verletzte. Hochgerechnet könnte der IS Bagdad die Kampfkraft mehr als einer Division gekostet haben. Das bedeutet, dass Bagdad einen unakzeptabel hohen Verlust gegen eine numerisch weit unterlegene Miliz, die kaum mehr als 5.000 Mann zählt in Mosul, hinnehmen muss.

Der „Islamische Staat“ wird während der laufenden Offensive auf West-Mosul von der einzigartigen Geografie der Region profitieren. Seit zwei Jahren befestigt der IS die historische und teilweise unzugängliche Westseite der Stadt. Die Gruppe bereitet seitdem Defensivstellungen, Tunnelsysteme und Hinterhaltsräume vor. Mest-Mosul ist der ältere Teil der ehemaligen nordirakischen Metropole. Viele Straßenverläufe auf der Westseite sind eng und für irakische Panzerfahrzeuge unzugänglich. Gepanzerte Einheiten werden gezwungen, ihre Offensive zu Fuß oder mit leicht gepanzerten Fahrzeugen fortzusetzen. Leichte Panzerfahrzeuge werden in der Regel mit Leichtigkeit vom IS ausgeschaltet.

Künftig wird der Kampf in Mosul an den „Wilden Westen“ erinnern. Bewaffnete Trupps werden sich auf den Straßen Schlachten liefern. Die Terrormiliz, die sich innerhalb der sunnitischen Zivilbevölkerung verschanzt, wird die ohnehin überdehnten Ressourcen der schiitischen Zentralregierung in Bagdad weiterhin mit Moskito ähnlichen Stichen militärisch schwächen. Angesichts der sektierischen Politik Bagdads unter einer ungewöhnlichen Allianz mit den USA und Iran ist es unwahrscheinlich, dass der IS in naher Zukunft zerschlagen werden könnte.

 



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